Sind Fanfiktion-Autoren „niedere“ Autoren?

Dieser Beitrag wurde von Noctifer verfasst

 

Erst gestern wurde ich mit einer Aussage konfrontiert, die mir absolut unverständlich ist:

„Fanfiktion-Autoren sind nur Diebe, die sich das geistige Eigentum anderer aneignen. Das sind keine richtigen Autoren!“

Natürlich bewegen sich Fanfiktion-Autoren in einer rechtlichen und moralischen Grauzone, aber ist dieses Phänomen wirklich so neu und die Arbeit dieser Autoren so verwerflich?

Anhand welcher Kriterien erkennt man eine Fanfiktion?

  • Es werden Charaktere und / oder Handlungsorte verwendet, die bereits von anderen Autoren publiziert wurden.
  • Die Autoren orientieren sich an bereits geschriebenen Werken.
  • Bestehende Werke werden erweitert, Lücken gefüllt oder Subtexte ausformuliert.

Man mag mir gleich Ketzerei und Dilettantismus vorwerfen, aber es gibt relevante, bejubelte Werke, die man anhand dieser Kriterien ebenfalls als Fanfiktions einstufen könnte.

  • Dante Alighieri bedient sich in seiner göttlichen Komödie an historischen Persönlichkeiten, Sagengestalten und Mythen. Orientiert an Aeneas, Elemente der griechischen und christlichen Mythologie, bis hin zu Charakteren wie Vergil, Homer, Aristoteles, ebenso König Minos und, beispielsweise Judas Iscariot, die er stilisiert. Das „Setting“ besteht aus der Hölle, die ebenfalls nicht neu war, wie auch das Thema, das schon von griechischen Sagen, beispielsweise der Geschichte von Orpheus und Eurydike aufgegriffen wurde.
  • Sämtliche Geschichten um „Avalon“ basieren auf der Parzival-Sage. Selbst Wolfram von Eschenbachs „Original“ basiert auf dem unvollendeten Versromanes von de Troyes.
  • Joanne K. Rowlings Romane basieren ebenfalls teilweise auf Mythologien, Legenden und Sagengestalten. Und auch die Auferstehung einer literarischen Gestalt, um die Welt zu eretten, ist nicht neu.
  • Das Buch der Bücher, die Bibel, ist an sich genommen eine „Reale Personen Fanfiktion“, geschrieben von Autoren, die Jesus nicht kannten, aber bewunderten. Viele Thematiken wurden von diversen Schriften, Mythen, Legenden und Sagen „beeinflusst“ – beispielsweise die „zehn Gebote“ und die auffällige Parallelen mit einer Passage aus dem ägyptischen Totenbuch (vgl. Unterlassungen eines Hofbeamten).
  • Bram Stoker orientierte sich bei dem Charakter „Dracula“ an Vlad Tepes Draculea III.

Vielleicht sollte sich die Autorin (ungenannt und meines Wissens nach nicht bei Fanfiktion.de aktiv), welche diese Aussage getroffen hat, dass Fanfiktion-Autoren keine „richtigen“ Autoren sind, doch besser zurück halten; Als Autorin von „Vampirgeschichten“ bezieht sie sich mit der Definition der klassischen Vampire, ihren Eigenschaften, Stärken und Schwächen doch auch auf Stoker, der sich, abseits von Vlad Tepes, auf alte osteuropäische bzw. slawische / rumänische Mythen bzw. Sagengestalten bezogen hat.


131 Kommentare zu „Sind Fanfiktion-Autoren „niedere“ Autoren?“

  1. MelliNelliXx

    Ich und niederer Autor? Pah. Ich schreib meine eigenen und Lad‘ sie auf FF hoch 😉

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